Klavier stimmen - Was macht ein Stimmer ?


Ein Flügel oder ein Klavier sollte mindestens einmal jährlich von einem erfahrenen Klaviertechniker überprüft und gestimmt werden. Sie fragen sich dabei sicher, wie ein Klavier gestimmt wird und warum es überhaupt gestimmt werden muss.

Stimmen eines Flügels

Die Stimmung eines Klavieres erfordert ein sehr genaues und musikalisch geschultes Gehör, um einerseits die minimalen Schwebungen der Stimmintervalle und andererseits auch die Partialtöne (Obertöne) der angeschlagenen Saiten zu hören. Das Heraushören der einzelnen Teiltöne angeschlagener Saiten ist sehr wichtig im Hinblick auf die Inharmonizität jedes Klavieres. 

Zunächst beginnt der Klavierstimmer damit, den Kammerton a' als Referenzton zu stimmen. Die Frequenz des Kammertons beträgt im Allgemeinen 440 Hz, bei relativ neuen Klavieren wird heute meist auf 441 Hz und bei Konzertstimmungen werden Konzertflügel und die anderen Instrumente sogar auf 443 Hz gestimmt, weil der Orchesterklang dadurch brillianter klingt. 

 

Nach dem Einstimmen der Temperaturoktave und einem nochmaligem Überprüfen der Intervalle wird nun zunächst eine der beiden Chorsaiten z. B. die linke unisono zur mittleren Saite gestimmt und danach die dritte Chorsaite zu den anderen. Die Saiten müssen hierzu schwebungsfrei zueinander klingen. Insbesondere achtet der Stimmer darauf, dass sich der Ton nach dem Anschlagen entfaltet, lange und klar ausklingt und sich keine störenden Phasenüberlagerungen ergeben, wodurch der Ton zu schnell verklingen und dünn wirken würde.

 

Ausgehend von der Temperaturoktave werden danach in Oktavintervallen die darunter liegenden Oktaven gestimmt. Eine Oktave ist das einzige -zumindest theoretisch- reine, weil schwebungsfreie, Intervall bei der gleichschwebenden Stimmung.

Leider aber ist das nicht ganz so einfach und es gilt, beim Klavier hier eine schwierige Hürde zu überwinden. 

Die Tonhöhe einer angeschlagenen Saite ist von deren Spannung, deren Länge und deren Gewicht abhängig. Eine Saite im Bassbereich z. B. der Kontraoktave müsste bei regulärer Spannung theoretisch 4-5 mal so lang sein, als sie bei einem Klavier in Wirklichkeit ist oder man müsste bei einer kürzeren Saitenlänge deren Spannung so weit verringern, dass sie aber nur noch wie ein schlaff gespanntes Seil schwingen würde. Durch ein Umspinnen der Saiten wird erreicht, dass die Saite sehr steif wird und an Gewicht zunimmt. Dadurch erreicht man bei regulärer Spannung und kurzer Saitenlänge einen tiefen Ton. 

 

Durch das Gewicht und die Steife der umsponnenen Saiten im Bass und durch die immer kürzer werdenden Saiten im Diskant, verstärkt sich leider die sogenannte Inharmonizität. Die Teilschwingungen einer idealen Saite würden im Verhältnis

1 : 2 : 3 : 4 usw. schwingen und insofern harmonisch zum 1. Teilton klingen. Bei einer realen Saite ist dies aber nie der Fall und die Partialtöne haben geringe Abweichungen vom Ideal, wodurch sie zum Grundton leicht verstimmt sind. Zwar ist diese Inharmonizität in der Mittellage des Klavieres kaum wahrnehmbar und quasi vernachlässigbar. Im Bass jedoch und noch vielmehr im Diskant nimmt sie aber stark zu. In der Praxis bedeutet dies, dass der Klavierstimmer die Oktaven so stimmen muss, dass sie gut und möglichst rein mit den gegenüber dem Grundton stärkeren Partialtönen zusammen klingen müssen. Im Bass muss daher zunehmend etwas zu tief gestimmt werden und im Diskant zunehmend etwas zu hoch. Die Abweichungen liegen bei ca. 30 ct in den jeweils äußeren Bereichen. Dieses Verfahren der Kompensation der Inharmonizität nennt man auch Streckung.

 

Nur das geschulte Ohr des erfahrenen Stimmers kann die Inharmonizität, die darüber hinaus auch noch bei jedem Klavier anders ist, ausgleichen und eine über alle Oktaven ausgewogene und wohlklingende Stimmung erreichen.